Santa Marta, Kolumbien (26.02.2015 – 03.03.2015)

„I am a decent man and I export flowers“
-Pablo Escobar

Eine rauhe Überfahrt bringt uns in ein Land, von dem wir wussten dass vieles in unseren Köpfen Vorurteil war. Vor allem Narco und FARC. Was für eine schöne Überraschung es anders vorzufinden.

Wir segeln mit etwas Verspätung wegen starken Regens von der hübschen Marina Zar Par in Boca Chica los. Wie erwartet war das Wetter anspruchsvoll. Wir hatten während der dreitägien Überfahrt konstant über 25 Knoten Wind. In Böhen ging es auch an die vierzig. Die Wellen waren bei dreieinhalb Metern. Wir machen trotzd der anstrengenden Wachen das beste draus. Wir genießen beizeiten das dynamische Segeln und finden Zeit für Schule oder das tägliche Subway-Surfer-Turnier am iPad.

Mina gewinnt zum zigten Mal den Alytes Subway Surfer Cup.

Mina gewinnt zum zigten Mal den Alytes Subway Surfer Cup. Einschüchterungsversuche bleiben wirkungslos.

Die kolumbianische Küste erreichten wir am späten Nachmittag. Die Sonne hatte sich schon auf Abwärtstour begeben und zu einer Marina wären es noch über zwei Stunden. Auch weil wir nicht bei solch starkem Wind anlegen wollten, sind wir zunächst in der „Ensenada de Concha“ im Tayrona Nationalpark vor Anker gegangen. Etwas illegal, da wir noch nicht einklariert hatten und die Übernachtung verboten ist. Es war, nach längerer Ankerplatzsuche (der Meeresboden fällt dort sehr steil ab) hingen wir sicher am Haken und konnten endlich ausspannen.

Beim Abendessen in der Ensenada de Concha kann man nach drei Tagen in einer Dreimeterwelle schon mal zerstrubbelt aussehen.

Mina hat beim Abendessen in der Ensenada de Concha nach drei Tagen in einer Dreimeterwelle die Haare schön

Am Strand räumen einige Männer die kolumbianische Version von Sonnenschirmen weg und es stellt sich tiefe Ruhe ein.

Am nächsten Tag segeln wir in die Marina von Santa Marta. Zum Glück übernimmt hier die Marina die sonst notwendigen „Agentenarbeiten“ für die Einklarierung. Im Ganzen sind das über 20 Dokumente. Die Prozedur dauert trotzdem eine Woche, die wir nutzen um Santa Marta und die Umgebung zu erkunden.

Es ist die älteste – vormals spanische – Siedlung in Südamerika. In einem recht engen Kern ist sie schön hergerichtet, die Bewohner sind äußerst freundlich und es macht Spaß herumzustromern. So sehen wir uns die Altstadt an, atmen klerikales in der Kathedrale und erkunden die örtliche Gastronomie.

Die Kathedrale von Santa Marta

Die Kathedrale von Santa Marta

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Das Land hat harte Zeiten gesehen. Der Beichtstuhl in der Kathedrale war ein vielgenutzter Ort

 

 

 

 

 

 

Mina und Heide stromern zudem zu einem „Bolivar – Schrein“, an dem man sich in einem leider etwas heruntergekommenen Garten  gut über die Geschichte des Befreiers von den Spaniern informieren kann. Auch im örtlichen Goldmuseum sehen wir uns um, auch hier spielt Bolivar eine Rolle, da er kurz vor seinem Tod einige Monate dort wohnte. Und natürlich testen wir die unendliche Vielfalt der kolumbianischen Früchte. Lulos, Drachenfrüchte, Schokoladenfrüchte, „Baumtomaten“, riesiege Maracujas und viele mehr. Alle schmecken sie großartig. Direkt gegessen, als Saft oder Milchshake. Bei unseren Test-Sessions sind wir im siebten Himmel.

Die Lulo, nur eine der vielen kolumbianischen Früchte.

Die Lulo, nur eine der vielen kolumbianischen Früchte.

Schulschluß in Santa Marta

Schulschluß in Santa Marta. Das Wassereis aus kleinen Plastiktüten ist der Renner bei den Kids.

Außerhalb des engen Kerns ist die Stadt dann allerdings weniger schön. Auf dem Weg zu einem Bootsausstatter steigt die Zahl der Prostis stark an. Sie sehen allesamt so aus, als würden sie schon eine ganze Weile dem Chrystal Meth fröhnen und sind mit Ihren hageren Körpern und fehlenden Zähnen auch für empfängliche Kunden kein wirklicher Reiz. Im weiteren Ring stapelt sich der Müll und einige kleine Favela-Siedlungen beginnen. Erst wenn man hier durch ist, offenbart sich die wunderschöne ländliche Seite von Kolumbien.

Wir werden diese erst kennenlernen, als wir mit einem Taxi in das etwas vierzehn Kilometer entfernte, in den  Bergen gelegene Dorf Minca fahren. Wir bleiben über Nacht in einem kleinen Hostel und brechen mit unserem Guide Neal frühmorgens auf zu einer Dschungel-Tour auf. Sie wird uns durch ehemalige Koka-Felder zu den „Lost Falls“ führen. Auf dem Weg sehen wir die kleinbäuerlichen Kaffeeplantagen, Einschußlöcher aus den Zeiten der Auseinandersetzungen zwischen FARC, Paramilitärs und Regierung und natürlich großartige Natur ohne Ende.

Am Ende unserer fünfstündigen Tour blicken wir über unsere Schultern flußaufwärts und sehen gerade noch, wie eines der „Black Weasels“ über einen Ast am Baum kriecht. Ein seltener Anblick.

Ein Black Weasel. Zum Glück. Denn wir dachten zunächst, es sei ein Panther

Ein Black Weasel. Zum Glück. Denn wir dachten zunächst, es sei ein Panther

Die Einschätzungen über die politische Situatin gehen übrigens weit auseinander. Während der Präsident in Europa das Ende der FARC proklamiert und man in Zukunft gemeinsam Mienenfelder räumen will sagt uns ein eher links orientierter Unternehmer dass das ganze höchstens schläft da der Kern des Konfliktes – die ungleiche Verteilung der Vermögen im Land – noch bestünde. Wir können uns als reisende Besucher kein objektives Bild machen. Aber wir sehen dass Koka in dieser Region nur für den (unraffinierten) Hausgebrauch angepflanzt wird und in der Umgebung nicht gekämpft wird. Statt dessen floriert ein kleiner Tourismus, auch auf Initiative unseres Guides. Gemeinden wie das Dorf Minca gehen dabei auch unkonventionelle oder in Deutschland undenkbare Wege: Als klar wird, dass die Regierung die so wichtige Brücke nicht reparieren wird (vermeintlich, da zu wenig Schmiergeld gezahlt werden kann, um auf der Prioritätenliste nach oben zu wandern), greift man eben selbst zum Schweißgerät. Ob das dann vom TÜV zertifiziert würde, ist eine andere Frage. Aber alle im Dorf packen an und die Touristenbusse können ungehindert rollen um Besucher und Dollars mitzubringen. Eine schöne Inspiration für uns etwas „administrationsverwöhnte“ Westeuropäer.

Als wir zurück zum Boot kommen, wütet (wie seit tagen schon) ein starker Wind mit bis zu vierzig Knoten Wind über der Marina. Alytes versinkt im Sand und bettelt förmig um eine Dusche. Als wir den Sand mit Wasser zusammentreiben glitzert es goldfarben. Leider handelt es sich wohl eher um Katzengold, auch wenn das edle Metall zuhauf in den Flüssen vorkommen soll.

Goldrausch auf Alytes? Es ist wohl eher Katzengold...

Goldrausch auf Alytes? Es ist wohl eher Katzengold…

Trotzdem fällt uns langsam die Decke auf den Kopf. Und als nach genau einer Woche alle Dokumente vollständig sind, setzen wir Segel gen Cartagena, auch wenn das Wetter ruppig sein wird und uns die restlichen Marina-Segler mit großen Augen ansehen.

Aber schon Santa Marta hat unsere Sicht auf das Land verändert. Kolumbien hat noch immer eine menge Probleme. Aber es ist wunderschön, die meissten Gebiete sind auch für Gringos sicher und man exportiert heute wohl mehr Kaffee als Koks. Der Kaffee schmeckt übrigens außerordentlich gut 😉

Musik: Buena Vista Social Club
Buch: Lonley Planet Kolumbien

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Santa Marta, Kolumbien (26.02.2015 – 03.03.2015)

  1. Manfred Kröger

    Hallo liebe Alytes – Crew
    Schön nach längerer Zeit wieder eure sehr interessanten Reiseberichte lesen zu können . Auch die vielen Bilder vermitteln mir das Gefühl , mit dabei zu sein .
    Die stürmischen Überfahrt von Hispaniola nach Kolumbien , die ihr bravourös gemeistert habt und die mit der Begegnung mit einem Pottwal belohnt wurde , war zu zweit zu segeln sicherlich grenzwertig .
    Ihr besucht ja immer die erbaulichen , kleinteiligen , landestypischen Bereiche bei euren Landgängen und meidet die hässlichen Hochhaus – Ansammlungen .
    Schöne Haus -Türen und deren Beschläge faszinieren mich auch immer aufs neue .
    Kolumbianischen Kaffee schätze ich auch sehr , falls man den unverfälscht bekommt .
    Mittlerweile hat die Alytes sicherlich schon den neuen Unterwasseranstrich in Colon , Panama , erhalten und alle Vorbereitungen für die nächsten 5000 Sm sind abgeschlossen .
    Ich wünsche Euch eine sichere Panama – Kanalpassage und viele Erlebnisse auf eurer weiteren Weltumseglung .
    Euer Manfred

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    1. AlytesSkipper Beitragsautor

      Wir haben tatsächlich alles geschafft. Es war auch gut, das Boot mal aus dem Wasser zu nehmen. Denn wir haben ein kleines Leck (Haarriss) in einem der wasserdichten (sic!) „Crash-Compartments“ entdeckt. Sauber drainiert und geschlossen. Aber nicht umsonst wollen die Versicherungen sehen, dass die Boote einmal im Jahr rausgehen.
      Liebe Grüße,
      Fritze

      Antworten

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