Javasee im Dezember (21.12.2015 – 26.12.2015)

Eigentlich sind wir viel zu spät dran, für eine Süd-Nordpassage der
Javasee. Der Südostmonsun ist längst verschwunden. Er kommt schon im
Oktober in Bedrängnis und liefert sich seitdem mit seinem etwas weniger
Forschen Bruder, dem Nordostmonsun, bis Mitte November ein Gerangel, das
den Wind in diesem Teil der Welt meist einschlafen lässt. Ab Ende
November setzt sich letzterer durch und wer dann bis Mai versucht von
Süd nach Nord zu segeln, hat schlechte Karten. So wie wir.

Die Region Raja Ampat war einfach zu schön, um schnell wegzusegeln und
auch Komodo und Bali wollten wir nicht auslassen. Die erste Quittung
haben wir schon vor zwei Wochen kassiert. Eigentlich sollten es weiße
Sandstrände mit seychellesken Granitfelsen auf Belitung werden, statt
dessen hat uns der Wind in den Kumei River auf Borneo zu den Orang-Utans
getrieben. Es war einfach nicht möglich, von Java nach Norden zu segeln.

Nach einer Flussreise und einer hitzigen Geburtstagsparty mit haarigen
Freunden in den letzten Resten des tiefen Dschungels von Kalimantan (so
heißt Borneo in Indonesien) dachten wir, dass ein entspanntes
Weihnachten auf See zu dritt OK sei. Die Wettervorhersage sah eine
Störung des Nordostmonsuns vor, durch die wir zumindest mit dem Motor
fahren könnten.

Kaum aus der Flussmündung heraus, bläst es uns, ganz unvorhergesagt, mit
fünfzehn Knoten direkt ins Gesicht. Gleichzeitig setzt eine Strömung von
über einem Knoten gegen uns. Wir lassen uns nicht lumpen und motoren mit
2.200 Umdrehungen gegen Wind und spitze, steile Welle an. Die bildet
sich, wenn ein guter Windt gegen den vorherrschenden Strom bläst. Alle
vierzig Sekunden kommt Alytes aus dem Takt, bäumt sich auf und kracht
hintereinander in drei Wellen. Die Geschwindigkeit sinkt von
schwindelerregenden drei Knoten auf knapp einen. So hoppeln wir um das
Inselchen Mangkut am Südwestkap von Borneo. Der Wind wird stärker, aber
die Richtung besser. Es bläst nun von Nordwesten und wir können mit der
Hilfe des Leemotors sehr hart am Wind motorsegeln. Von Flaute nichts zu
sehen.

Kekse werden bei siebzehn bis zwanzig Knoten Wind und unangenehmer Welle
trotzdem gebacken. Mina schmückt den Bordbaum geduldig bei ordentlicher
Bewegung. Die Spitze hat sie mit einem weihnachtlich rot-gelben
Schnürchen fachgerecht an einem Ventilator festgebändselt. Er schwingt
ganz aus seinem Element gerissen hin und her und ringt vermutlich stumm
mit der Seekrankheit. Aber schön ist er mit seinen Goldperlen,
Papiersternchen und noch bei Windstärke fünf gebastelten
Wollpuschelweihnachtskugeln. Ein paar Lichterketten spenden dank LEDs
warmweiches Licht ohne die Batterie aufs äußerste zu belasten. Trotz
Alytes gutmütigen Temperaments in See und Wind lassen wir bei diesem
Wetter lieber die Finger von echten Kerzen. Trotzdem ist es bei 30 Grad
weihnachtlich schön.

Heiligabend bleibt windig. Die Wettervorhersage trifft nun zumindest was
die Richtung angeht zu und wir können segeln. Zuvor waren wir etwa 140
Seemeilen die an der Westküste Kalimantans nach Norden gesegelt. Der
Wind dreht nun auf Nordost und wir können die Javasee in nordwestlicher
Richtung besegeln. Auf dem Tisch steht indonesischer Protoputenbraten:
Hünchenfillet (in diesem Teil der Welt natürlich nach alter Väter Sitte
halal geschächtet) mit einer Pfeffersahnesoße (die Sahne kommt noch aus
Tahiti und ist erst eine Woche abgelaufen), Longtailbohnen und –
schließlich durfte sich Mina auch was wünschen – tonnenweise
Kartoffelpüree. Der Wind ist bei dreiundzwanzig Knoten. Es sollten zehn
sein. Hart am Wind segeln wir auf Kurs, der Sekt in den Gläsern schwappt
bedenklich aber wir haben Spaß und genießen den Abend mit Essen,
Quatschen und natürlich einer amtlichen Bescherung.Später in der Nacht
rufen wir noch die Familien in Deutschland an und quatschen über die
wackelige Satellitenverbindung mit vertrauten Stimmen. Es ist ein
schönes Fest.

Gegen Mitternacht treffen uns die ersten Squalls. Wir reffen zum ersten
Mal seit vielen Wochen. Schwarzdunkel und regensatt kommen die Wolken in
einem Band auf uns zugerast. Die erste trifft, der Wind dreht um über
einhundert Grad und frischt auf. Heide holt mich per Funkgerät (es wäre
nicht klug, für ein zärtliches Wecken den Steuerstand zu verlassen) aus
dem Bett und wir reffen zum zweiten Mal. Der scheinbare Wind pfeift uns
zwar nur mit dreißig Knoten um die Nasen, aber wir sind vorsichtige
Segler und wollen Mensch und Material den hohen Druck im System nicht
zumuten. Von achtern höre ich kichern. Ach ja, mein Auftritt am
windumtosten Mast ist schon speziell: verpennt und in Shorts und
Rettungsweste stehe ich in einem Tropenregen, der seinesgleichen sucht.
Na ja, wer den Schaden hat…

So geht es noch für zwanzig Stunden weiter. Dann hat sich der Wind
beruhigt und pendelt sich stabil bei fünfzehn Knoten ein. Heute Morgen,
am 26. Dezember, stehe ich während der Frühwache zwischen drei und sechs
Uhr Ortszeit am Steuer. Hinter mir explodiert der Himmel in
pastellfarben, vor mir hängt ein fetter Vollmond in schon blauem Himmel
und lässt die dunkelblauen Wellen vor Alytes honiggelb glitzern. Wir
gleiten mit etwa sieben Knoten direkt aufs Ziel zu. Heute werden wir
vermutlich südlich von Singapur ankern und uns morgen in das Getümmel
des Riesenhafens werfen.

Auch wenn es sich nicht so anhört, wir hatten Glück mit dem Wetter 😉

Bücher:
Sieben Jahre, Sieben Meere und drei Ozeana (Heide)
P. Pullman, Das magische Messer (Mina)
T. Piketty, Capital in the Twenty-First Century (Fritze)

Musik:
Alanis Morissette
Dezemberträume
Christmas-Collection

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