Tonga: Wale und Polynesische Überraschungen

Passend zu unserer „kalendarischen“ Halbzeit erleben wir eine Überraschung in Tonga: Obwohl der 180. Breitengrad noch nicht überschritten ist, sind wir bereits in über die hier verschobene Datumsgrenze gehüpft. Und zu allem singen die Wale. Nach einer in Teilen lebendigen Passage mit bis zu dreißig Knoten Wind und dreieinhalb Meter Welle erreichen wir nach etwa acht Tagen Neiafu, die Hauptstadt der Vava’u Gruppe im Königreich Tonga. Der Schwell ist nach draußen verbannt, plötzlich segeln wir auf stillem Wasser zwischen flachen Inseln hindurch.

Eine Herausforderung der anderen Art. Dann plötzlich müssen wir wie die Reviersegler alle dreißig Minuten die Segel neu einstellen und sogar die eine oder andere Wende hinlegen. Zwischen dem Sattgrün der palmengesäumten weißen Strände nehmen wir die sportliche Herausforderung an den Winschen gern an.

Bei der üblichen Einklarierungsroutine gibt es die erste Überraschung. Wir funken bei Annäherung an die sehr geschützte Bucht von Neiafu „Harbour Control“ an, um unsere Ankunft zu melden und die Prozeduren zu beginnen. Keine Antwort. Ein zweiter Versuch. Keine Antwort. Nach dem dritten Versuch meldet sich die freundliche Stimme eines offenbar älteren Herrn. Er begrüßt uns herzlich in bestem Englisch und weist uns darauf hin, dass der Zoll heute geschlossen sei. Ich frage vorsichtig, warum das wohl so sei, schließlich sei der Zoll am Freitag doch üblicherweise geöffnet. Und wir haben mächtig Gas gegeben, um noch vor 16:00 Uhr am Zolldock anzukommen. Oh, sagt die freundliche Stimme, heute ist nicht Freitag, heute ist Samstag. Willkommen in der neuen Zeit- und Datumszone. Wir sind nun UTC voraus, nicht mehr hinterher. Tonga hat sich wohl entschlossen, in die Zone von Fiji zu rutschen. Obwohl sie etwa sieben Grad (das sind 420 Seemeilen) vom 180. Längengrad entfernt liegen.

Ich frage „Baker“, dem die freundliche Stimme gehört, was in Tonga die Regeln für eine Ankunft am Wochenende seien. Hmm, man müsse Ankern und dürfe das Boot nicht verlassen. Außer im Notfall. Wir danken ihm und rufen sofort nach dem Ankern einige Notfälle aus. Kommunikationsnotfall, Pommesnotfall und Land-unter-den-Füßen-Notfall. Nachdem diese ordentlich im Logbuch verzeichnet sind, genießen wir ein großartiges Abendessen im Aquarium Café mit Burger, Bier, Pancakes und „free Wifi“.

Die Menschen hier scheinen uns ein klein Wenig größer als in Französisch Polynesien. Sie machen auch einen insgesamt noch etwas freundlicheren, gelasseneren fast sanften Eindruck. Das will schon was heißen, denn die Polynesier auf Tahiti waren bereits sehr, sehr freundlich.

Die Mode ist hier zudem etwas speziell: Über den Hosen tragen die Herren gern noch ein Stück aus Pandanus-Blättern geflochtenes Tuch mit einer rohen Kordel. Ok, es ist hier schon ein Bisschen kälter als auf Raiatea. Aber das mutet hier etwas befremdlich an. Manche der Frauen haben ebenfalls einen Pandanus-Röckchen übergezogen. Wir schauen uns das alles neugierig an und freuen uns am Ende sehr, dass wir nun endlich ins Bett fallen können. Satt und mit der Aussicht durchschlafen zu können.

Am späteren Abend die nächste Überraschung. Von Französisch Polynesien waren wir gewöhnt, dass uns des Abends Trommelklänge in den Schlaf wiegten. Manchmal wummernd-beruhigend, manchmal gehetzt und aufwühlend. Hier und da die recht intensiven Haka-Gesänge der tataouirten Tänzer. Ganz anders in Tonga: Von der Kirche im Örtchen klingt kraftvolle Kirchenchormusik zu uns herüber. Die geben richtig Gas da oben.

Wir schlafen zum Kyrie selig ein. Nachdem wir offiziell einklariert sind, segeln wir die nächsten Tage durch das Archipel und erkunden die kleinen und größeren Inseln. Es ist ein Traum. Zwar etwas kühl (das Wasser hat hier vier bis fünf Grad weniger als im französischen Nord-Osten) aber die eng gesetzten Inseln, die Farbschattierungen des Wassers, der dramatische Himmel und die weißen Strände entschädigen uns.

Das Segeln ist einfach, meist ziehen wir nur das Vorsegel raus und lassen das Groß im Lazy-Bag. Dank der Düsen zwischen den Inseln und dem wellenfreien Wasser geht es trotzdem mit bis zu sieben Knoten voran. Heide schreit dann aber von oben: WAAAAAALEEE, WAAAAAAALEEEE!

Und tatsächlich: In den Passagen tummeln sie sich. Meist in Gruppen von zwei bis drei Tieren faulenzen sie zwischen den Inseln im tiefblauen Wasser. Hier mal ein Rücken, hier mal ein Blas, dort eine mächtige Fluke. Wir müssen richtig aufpassen, dass wir keinen rammen. Wir genießen einige schöne Ankerplätze, schwimmen, schnorcheln und tauchen.

Am Samstag gibt es für uns bei Hika und David eines der berühmten Feasts (Festmahl) von Tonga. Hika hat ein dreimonatiges Ferkel geschlachtet und nimmt es, als wir ankommen, gerade aus. Eines Ihrer elf (!) Kinder schiebt dem kleinen flugs einen ordentlichen Stab vom Hintern bis durchs Maul und dreht ihn für etwa eine Stunde über dem vorbereiteten Feuer. Ein herrlicher Braten.

So kurz vor dem perfekten Gar-Grad sieht es noch etwas spooky aus. Ein Gruß an die Jagd-Kollegen ;-)

So kurz vor dem perfekten Gar-Grad sieht es noch etwas spooky aus. Ein Gruß an die Jagd-Kollegen 😉

Dazu Fisch, Kraut- und Süßkartoffelsalat, Omlette-Häppchen, würziges Hühnchen, in Taro-Blättern eingewickeltes Corned-Beef (die einzige Möglichkeit, das Zeug zu essen) und eine Nachspeise aus Taro-Wurzeln, Kokos-Milch und viel Zucker. Wir haben den Wein mitgebracht. Und ein wenig Saucen, denn die hatte Hika vergessen. Wir quatschen noch bis etwa halb zehn (was für Polynesier verdammt spät ist) und fallen ins Bett. In der Nacht hören wir dann immer wieder die mal dunklen mal quietschenden Gesänge der Wale durch die Bordwände hindurch. Hat schon was Romantisches. Auch wenn die Jungs vermutlich gar nicht uns meinen.

Mina ist auf dem besten Weg eine wirklich routinierte Taucherin zu werden. Die Tarierung klappt schon großartig und neugierig taucht sie uns voraus und schaut begierig in jede Spalte und auf jede kleine Schnecke. Oder Seegurke. Oder Koralle. Die neue Welt unter Wasser macht Ihr einen Riesenspaß. Als Tauchlehrer freue ich mich, dass das Training gut geklappt hat und schon auch ein wenig stolz auf die Entdeckerin.

Happy Diver-Girls

Happy Diver-Girls

Neben dem Tauchen bietet Tonga auch noch in Vava’u auch noch zwei schöne Höhlen. Wir erkunden zumindest die „Swallows Cave“. Sie ist nur vom Wasser aus mit dem Beiboot zu erreichen, da man wegen der Tiefe nicht ankern kann. Wir fahren mit dem Dinghi also direkt hinein ins blaue Wunder. Unter uns kristallklares Wasser mit bis zu 20 Metern Tiefe.

Die Swallow-Cave in Tonga

Die Swallow-Cave in Tonga

Über uns eine hohe Kuppel, die aus dem Korallen-Kalk der Insel gewaschen wurde. Ein wenig außerirdische-aquatische Formen. Scharfe Kanten begrenzen flach-kugelig-blasig geblähte Flächen. Hier und da leider ein Graffito, aber man kann sie ausblenden. Wir springen ins kühle Nass, um uns die seltsamen Steinformationen anzusehen. Mit den Köpfen unter Wasser und der klaren Sicht durch die Tauchmaske wird klar: Das sind riesige Fisch-Schwärme. Riesig! Im flacheren Wasser bei etwa fünf Metern tummeln sich zehn- bis fünfzehn Zentimeter lange Silberlinge, darunter auf zehn Metern nochmal ihre etwa doppelt so großen Brüder und Schwestern. Wir spielen ein wenig mit der Schwarm-Dynamik und freuen uns, als wir zwischen all den Tieren die Orientierung verlieren.

Eine ganz andere Form der Orientierungslosigkeit erleben wir ein paar Tage später beim sensationellen Tonga Wal-Schwimmen. Wir haben ein wenig überlegt, ob wir da mitmachen. Wegen des Tierschutzes und so. Nach eingehender Prüfung des Vorgehens der Veranstalter meinen wir aber, dass Tonga hier einen Weg gefunden hat, Menschen an die unvergleichliche Natur heranzuführen, Geld zu verdienen und gleichzeitig die Wale nicht wirklich zu stören. Die Boote halten immer recht großen Abstand, nur Gruppen von bis zu vier Schwimmern nähern sich den Walen. Solange die Wale nicht von sich aus näher kommen, bleibt auch hier der Abstand (im eigenen Interesse) etwa 20 Meter.

Zwei ausgewachsene Buckelwale tauchen auf, um sich gleich wieder in den Sand zu legen. The simple life,,,

Zwei ausgewachsene Buckelwale tauchen auf, um sich gleich wieder in den Sand zu legen. The simple life,,,

So buchen wir und finden eine ganze Menge Wale auf unserem Trip. Unser Skipper erkennt bei vielen schon aus der Entfernung, ob die Tiere zu schnell ziehen oder ob sie gerade entspannen oder gar in Spiel-Laune sind. Auch Muttertiere mit zu kleinen Jungen werden nicht angefahren. Sie sind scheu und fühlen sich durch die Schwimmer offenbar gestört.

Aber nach etwa zwei Stunden finden wir auf einer sandigen Untiefe drei ausgewachsene Exemplare. Zwei ziemlich dunkle und eins, dass üppig mit weißen Flächen übersät ist. In etwa zehn Metern liegen sie auf dem Sand. Hier und da bewegt sich eine der Brustflossen. Fünf Minuten vergehen. Dann sieben. Und plötzlich erhebt sich der erste, um Luft zu holen. Was in zehn Metern schon riesig aussah wächst recht schnell auf monströs. Sehr nah neben uns steckt er den Kopf durch das Wasser. Atmet zwei, drei Mal und lässt sich wieder sacken. Der nächste steigt fast senkrecht auf. Wir schlucken schon ein Wenig… Aber auch er dreht sich in die Waagerechte, atment durch und lässt sich wieder neben seinen Partner sacken. Die beiden scheinen die Köpfe zusammenzustecken. Aus der Ferne hören wir die Gesänge eines Männchens. Der dritte taucht etwas weiter entfernt ebenfalls auf und zeigt uns beim Abtauchen seine riesige Fluke. Wir schauen dem, was wir für ein Paar halten, noch etwa eine halbe Stunde bei ihren überirdisch-unterseeischen Liebkosungen zu. Einige Male werden wir noch mit Überwassermanövern verwöhnt. Großartige Tiere. Wirklich kaum zu beschreiben. Und schon verrückt, wie viele davon für Straßenbeleuchtung und Regenschirme zur Strecke gebracht wurden. Aber OK, wir fracken ja nun auch herrlich vor uns hin, um auch immer schön billig den Diesel anschmeißen zu können…

Das Boot bringt uns in ruhige Gewässer. Mit leuchtenden Augen verschlingen wir unsere Sandwiches, Zimtrollen und den Bananenkuchen. Kurze Zeit später die nächste Sichtung. Diesmal eine Mutter mit einem schon recht riesigen „Baby“. Wir lassen uns ins Wasser und sehen die Mutter kopfüber unter Wasser stehen. Die Fluke vielleicht auf sechs Meter, der Kopf entsprechend tiefer. Das Kleine ist bei Ihr auf Augenhöhe, kommt aber mehrfach zu uns hoch, uns ein wenig anzusehen.

Das ist wirklich das "Kleine". Die Schiffshalter haben es schon entdeckt.

Das ist wirklich das „Kleine“. Die Schiffshalter haben es schon entdeckt.

Wir treiben einfach nur wie ein paar Mücken an der Oberfläche (aus seiner Perspektive) und staunen für etwa zehn Minuten. Die Mutter regt sich in der ganzen Zeit nicht. Ein schönes Tier, auch sie mit viel Weiß unter dem Bauch und den Flossen. Wir schwimmen zum im Abstand wartenden Boot zurück und sind alle müde und beeindruckt von dieser einzigartigen Tonga-Begegnung.

Morgen geht es für uns weiter Richtung Westen. Wir hoffen, dass wir gegen zehn Uhr Ortszeit aufbrechen können. Etwa sechs Tage werden wir dann auf hoher See sein um unter Fiji hindurch die Insel Tanna auf Vanuatu zu erreichen. Dort wartet ein aktiver Vulkan auf uns.

Bücher:
Sailing Guide to Tonga
Patrick O’Brian: The Surgeons Mate

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Solve : *
24 − 15 =