Vanuatu – von Tanna bis Espiritu Santo

Nach dem freundlichen Auftankt in Port Resolution, unseren kleinen Unterstützungsleistungen für die gestrandeten Festival-Besucher von Aniwa genießen wir den Ankerplatz noch ein wenig. Wir sind die Ladestation für die örtlichen Mobiltelefone, quatschen mit den Fischern und lehnen dankend einige der kleinen Makrelen ab, die die Jungs hier mit ihren langen Netzen aus dem etwas trüben Wasser fangen. Eines Abends endlich geht es auf den Mount Yasur, den örtlichen, aktiven Vulkan.

Der Mount Yasur aus der Ferne

Der Mount Yasur aus der Ferne

Auf der Ladefläche eines getreuen Hillux-Pickup geht es in Höchstgeschwindigkeit durch den Dschungel. Die wird weniger durch die Motorleistung als durch die Qualität der Straße definiert. Wir sind überrascht: Das, was die Jungs hier Straße nennen, geht bei uns eher als Schneise durch. Das ist dem Fahrer allerdings egal. Und uns auch, bis wir in letzter Sekunde die Stromkabel und Wasserleitungen auf Kopfhöhe auf uns zufliegen sehen. Ducken in letzter Sekunde, danach lieber schön tief in die Ladefläche gehockt oder noch besser gelegt. Sieht uncool aus, ist aber gesünder. Nach einer halben Stunde beginnt die Luft nach Schwefel zu riechen, zwischen den Zähnen knirscht die Asche. Dann zieht sich der Wald nach links und rechts zurück. Auf einer Wiese wird schnell der Eintritt für den Nationalpark kassiert (die Leute haben hier sonst recht wenig Einkünfte).

Noch einige Kilometer und wir sind in der Ödnis des Vulkans. Aus dem feinen Geröll erhebt sich der Berg. Eher flach. Die Wolke darüber eher klein. Wir schauen genauer hin und sehen in regelmäßigem Abstand – kuhfladenartig – die vulkanischen  Bomben liegen. Sie sehen eigentlich wenig bedrohlich aus, später sollten wir sie aber frisch kennenlernen. Glühendheiß und – nun ja – von einer Konsistenz wie ein Kuhfladen eben.

Wir steigen an dem vermeintlich einzigen Briefkasten auf einem aktiven Vulkan vorbei den Steig zum Kraterrand hoch. Nun spüren wir ihn auch, den Yasur. Dunkel fährt es uns in die Knochen. Ein stetiges Beben an der Bergflanke. Wir steigen weiter und sehen zum ersten mal in den Krater. Von der ersten Plattform aus kann man noch nicht die Lava sehen. Aber die Rauchwolken und, immer wenn es mit einem Zischen zum Ausbruch kommt, auch die Lavabomben

 

Eine der Explosionen der heftigeren Art. Ein Schritt zurück fühlt sich gut an, würde aber auch keinen Unterschied machen

Eine der Explosionen der heftigeren Art. Ein Schritt zurück fühlt sich gut an, würde aber auch keinen Unterschied machen

Sie werden einige zig Meter in die Luft geschleudert, bleiben aber unterhalb des Kraterrandes und fallen zurück auf dessen Boden. Dann jagt eine Schockwelle durch den Qualm. Ich denke noch an all die Sci-Fi-Filme mit schönen Explosionen, bin noch überrascht, dass es solche kugelförmigen, sich blitzschnell ausbreitenden Wellen wirklich gibt. Dann Kracht es (etwa eine Millisekunde später) so laut, dass doch alle am Krater gehörigen Respekt haben. Die Witzchen zum schnarchigen Berg sind verstummt. Durch die Luft fliegen recht dicht die Lavabrocken in unsere Richtung. Auch die Mutigsten gehen einen Schritt zurück. Als würde das helfen, in dem Fall das nicht alle Brocken wieder zurückfielen. Aber sie bleiben im Krater.

Weiter geht es um den Krater herum. Mina ist das rumpeln, das Beben und auch die Asche in den Augen zu viel. Mit Heide kehrt sie um. Wir anderen aus der Gruppe laufen in der sich senkenden Dunkelheit noch etwas weiter und können nun direkt in den Höllenschlund schauen. Dort brodelt es aus vier Schloten. Alle drei Minuten bricht einer aus.  Mal zischend, mal laut explodierend. Immer wieder bebt die Erde unter uns. Hin und wieder treibt der Wind die schwefeligen Gase zu uns herüber und lässt uns husten.

So sehen die "Sprüher" aus. Fauchend und hell, aber ohne Schockwellen

So sehen die „Sprüher“ aus. Fauchend und hell, aber ohne Schockwellen

Nach zwei Stunden des Staunens und Schauderns geht es wieder herunter. Unter den Kontaktlinsen Asche, zwischen den Zähnen Asche, in der Nase Schwefel und um eine sehr, sehr konkrete Erfahrung ganz grundsätzlicher Naturgewalt reicher.

Die zweite dieser Erfahrungen bekommen wir gleich danach: Die Rückfahrt auf der Ladefläche bei Nacht. Die Geschwindigkeit ist unvermindert, die Straße ist nicht besser geworden, der Gegenverkehr schaltet gelegentlich das Licht an und neben den über die Straße gespannten Kabeln kommen jetzt noch Fledertiere und Insekten. Wir sind froh, wieder an Bord zu sein.

Wir warten noch einige Tage widrige Winde ab und segeln dann nach Norden gen Efate und Port Villa. Das Städtchen ist nett und ermöglicht uns einige Einkäufe zu erledigen. Auf dem Markt gibt es allerdings, wie auch auf Tanna, wegen des im März durchgezogenen Zyklons kaum Früchte. Bananenstauden und Papayas wurden durch den Wind in großem Maße zerstört. Was übrig blieb nutzen die Leute nun selbst, für den Markt bleibt wenig übrig. Aber es gibt eine Menge Gemüse, Vanuatu-Fastfood in großen Blättern verpackt und natürlich Kava-Wurzeln.

Der Markt von Port Vila. Wegen des Zyklons leider kaum Früchte im Angebot.

Fastfood am Markt von Port Vila. Wegen des Zyklons leider kaum Früchte im Angebot. Haare im Essen findet man jedenfalls nicht.

An der Hauptstraße finden wir nicht weit von unserem Steg ein Eiscafé mit ganz hervorragenden Schleckereien. HInter dem Tresen ein Sohn einer Schweizerin und eines Mannes aus Mailand. Er hat ein Stück Italien hierher gebracht und verkauft das komplett hausgemachte Produkt direkt in seinem kleinen Lokal. Das ganze ist ein wenig teuer für den einfachen ni-Vanuatu (also den Vanuatuaner) und Australier kommen hier nur sehr konzentriert saisonal. Es ist also nicht einfach, zumal er noch nicht auf die Idee gekommen war, auch die zahlreichen Hotels zu beliefern. Besser als das lokale Industrieeis aus Milchpulver und Aromastoffen ist sein Eis auf jeden Fall. Wir verdoppeln mit unserer Bestellung vermutliche einen Tagesumsatz und freuen uns an dem ausgezeichneten Kaffee, Rum, Vanille und Tiramisu-Eis.

Uns zieht es weiter gen Norden. Über einen Ankerplatz in einer tiefen Bucht geht es weiter nach Luganville auf Espiritu Santo. Diese Insel wurde von ihrem Entdecker zunächst für Australien gehalten (der volle Name lautete auch Espiritu Santo Australis). Da hatten die Niederländer später mit der Entdeckung New Hollands später mehr Glück. Eigentlich wollten wir hier die großartigen Wracks betauchen, vor allem die USS President Coolidge. Aber wie es das Schicksal so will, bekomme ich eine ordentliche Erkältung und kann nicht wirklich tief unter die Wasseroberfläche. Statt dessen wollen wir die Insel zu Pferd erkunden. Wir buchen bei Megan einen Ausritt für drei. Megan betreibt eine kleine Ranch im Südosten der Insel. Sie hat 18 Pferde. Alle sind „gerettete“ Tiere, die von Ihren alten Besitzern misshandelt wurden. Die Hälfte davon ist in der Lage geritten zu werden, die anderen erhalten bei Ihr das Gnadenbrot. Zusammen mit der einbeinigen Katze, einigen Flughunden, deren Mütter von den Einheimischen verspeist wurden und drei Hunden. Mina ist im Himmel.

Megan hängt ihre "Babys" gerne mal auf die Leine. Abhängen deluxe.

Megan hängt ihre „Babys“ gerne mal auf die Leine. Abhängen deluxe.

Ich habe dagegen ein eher mulmiges Gefühl, da mein Glück mit Pferden auf dieser Reise doch eher bescheiden daher kam. Vor allem unser Lukas wird sich noch kringeln, wenn er sich an das Erlebnis mit diesem „wunderschönen Hengst“ auf Hiva Oa erinnert. Wunderschöner Hengst. So nannte ihn eine Neuseeländerin. Tatsächlich war er sehr hübsch anzusehen. Blendend weißes Fell, dazu goldene Mähne, goldener Schweif. Etwas dümmliches Gesicht, aber er war halt ein Pferd. Erst bei genauerem Hinsehen, während eines Fotoversuchs für Mina entdeckte ich, dass er auch einen ziemlich einsatzbereiten rosa Zweit-Schwanz hatte. Und als ich ihm filmend näher kam, wurde letzterer auch noch ein wenig einsatzbereiter. So gibt es nun eines dieser iPhone-Videos, auf denen jemand von einem forsch vortretenden, rossigen Hengst abhaut. Dabei weiterfilmt und natürlich rückwärts auf den Hintern plumpst.

Szenenfoto aus "Der mit dem Hengst tanzt". Frühe Einstellung...

Szenenfoto aus „Der mit dem Hengst tanzt“. Frühe Einstellung…

Mein großes Glück: Es geschah außerhalb der Reichweite des Taus, mit dem der Hübsche angepflockt war. Sehr knapp. Lukas und ich haben uns scheckig gelacht, während der arme voller unbefriedigtem Verlangen in meine Richtung schaute.

Aber Mina wollte noch reiten. Wir machen also eine Tour klar. Als wir ankommen sagt Rancher Ricardo er habe nur Hengste, Stuten sind ja zu langweilig. Ich muss sagen, ein wenig Langeweile fänd ich nach dem „Hübschen“ schon OK. Der Reitausflug hielt dann auch einen Abwurf parat, als mein Hengst am Hang vor einem mit lautem Knall abreißenden Ast unter seinem Bauch schreckte. Aber es war ja weicher Urwaldboden und außer gezerrter Halsmuskulatur hatte ich keine länger bleibenden Schäden zu beklagen. Zumindest hat der Hengst meine Missliche Lage nicht ausnutzen wollen.

Nun also wieder Pferde. Minas Pferd hieß Kava. Von dem war schon mal nicht viel Überraschendes zu erwarten (wer schon mal Kava getrunken hat, weiß was ich meine). Heides Stute dagegen Missy. Unsere Führerin sagt: „She hates men, so better keep your distance“. Das wollte ich auch, aber mein Wallach Duke (hier also schon mal keine Gefahr hormoneller Verwirrung) fand Missy trotzdem so nett, dass er immer mal wieder vorbei schaute. Missy zeigte ihm Dankbarkeit mit der Hinterhand. Getroffen hat es aber mein Schienbein. Erst rechts, beim zweiten mal links. Ich beiße jedes Mal die Zähne zusammen. Sind ja im Grunde arme Kreaturen, diese misshandelten Pferde. Trotzdem habe ich Abdeckerphantasien. Sehr konkrete.

Der Ritt läuft sonst aber gut. Alles schön langsam. Fast ein wenig langweilig. Dann geht es in die Lagune. Wir haben alle ein Riesenspaß im Wasser. Megan hatte mich gewarnt. „Keep him in Motion, otherwise he will lie down in the water,“. Kein Problem.

Das Glück der Erde... Na ja ;-)

Das Glück der Erde… Na ja 😉

Wie im Western also links gesteuert, rechts immer mal einen auf die Kruppe gegeben. Duke läuft und schwimmt, ohne sich hinzulegen. Ich bin stolz dieses  sehr ruhige Tier zu im Griff zu haben. Dann springen links etwa 500 Sardinen hoch. Direkt unter Dukes Nase. Er schreckt, hüpft hoch und zur Seite gleichzeitig. Fast hat er mich, aber ich bleibe oben. Die 1.200 Euro Nikon sinkt aber neben mir in die Tiefe. Ich lange auf Dukes Hals sitzen nach unten und erwische sie. Im Gegenzug hänge ich allerdings nun wie ein Indianer beim Versteckspiel nur noch mit dem Unterschenkel am Pferd. Mein Schwerpunkt etwa auf Dukes  Beinhöhe. Aber ich WERDE NICHT FALLEN. Also hochgezogen an der Mähne und mit dem Hintern rückwärts über den nicht ungefährlichen Handgriff des Westernsattels gehüpft. Megan hat feuchte Augen vor Lachen. Die anderen auch. Nachher sagt sie, sie wäre furchtbar stolz. Immerhin.

Missy von hinten. Das Mädel ist eine Waffe mit der Hinterhand.

Missy von hinten. Das Mädel ist eine Waffe mit der Hinterhand.

Am nächsten Tag zähle ich Hämatome und Schwellungen. Beide Schienbeine entstellt und am Oberschenkel, da wo mich offenbar doch der Haltegriff des Sattels erwischt hat, ein handgroßer, violettblauer Fleck. Aber für das Glück der Tochter werde ich mich natürlich auch beim nächsten Mal auf irgendein verhaltensgestörtes 650 kg-Tier schwingen. Vermutlich gibt es vorher einen Tee aus Paracetamol, Tramadol und vielleicht einen Schuss Ketamin.

Nach dem Reiten geht es am nächsten Tag noch zum Tanken. Wir hatten viel Hoffnung in die Dieselversorgung gelegt, da es doch ein „Fuel-Dock“ gibt. Das ist allerdings ein eher für Großtrawler geeignetes Monster aus Beton, Stahl und abgerissenen Pollern. Einige Monierenden ragen zwischen den Reißzähnen des groben Betons hervor. Das Dock liegt genau im Schwell. Der Wind drückt jedes Boot darauf, der Schwell reibt es gehörig hoch und nieder. Einige Reifen sind devor gehängt. Mit Ketten, die man Schlauerweise um den Reifen geschlungen hat, so das sich jedes (GFK-)Schiff zunächst einen Kettenabdruck ins Gelcoat holt. Wir fendern alles ab, Heide steuert todesmutig zwischen zwei rostige Mehrzweckboote und dann warten wir, bis die „Boys“ mit dem Fass kommen. Da der Schlauch zur Pumpe zu kurz ist, geht es erstmal in Kanister, dann in die Tanks von Alytes. Nach 45 Minuten sind wir schweißgebadet.

Tanken à la Luganville. Die Jungs sind fröhlich, nett und Profis am Fass.

Tanken à la Luganville. Die Jungs sind fröhlich, nett und Profis am Fass.

Wir reisen am gleichen Tag in Richtung der Salomonen ab. Vanuatu ist für uns (wieder einmal) eines der schönsten Ziele auf unserer Reise. Jedem Segler empfehlen wir, hier unbedingt einige Tage zu verbringen.

 

 

2 Gedanken zu „Vanuatu – von Tanna bis Espiritu Santo

  1. Rosi und Markus

    Tja, Männer und Pferde… Dass passt nicht immer gut zusammen. Am liebsten sind uns ja die Pferdestärken, die man PS nennt und die über 300 vorhanden sind. Da steigt der Adrinalinspiegel, besonders wenn die PS einem Porsche gehören. Du sollst da eine gewisse Vorliebe habe, kann das sein?

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